Wagnerwahn

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Der neue Job Juni 18, 2010

Filed under: Uncategorized — wagnerwahn @ 6:11 am

So, ja tatsächlich, ich schreibe noch.
Es war lange ruhig, der neue Job, die ganze Umstellung… Ach ja.
Jetzt gerade ist es 2 Uhr am Morgen. Ich habe all meine routinemäßigen to-does erledigt, und warte, was noch so kommt.Aber mal langsam und von anfang an.
Immer wieder kamen die Fragen auf : „und, wie ist es?“, „was machst Du die ganze Nacht“, etc. pp. Alles was man halt jemanden fragt, der nen neuen Job hat.
Wirklich drauf antworten konnte ich bisher nicht. Zuwenig mein Einblick, zu gering meine Zeit, zu klein die Antwortlust.
Nun aber.
Wer mag, liest weiter, und bekommt quasi den komplett Einblick.
Festhalten möchte ich diese ersten Eindrücke aus dem 1.Arbeitsblock, um in einem halben Jahr vielleicht nochmal zu schauen, was sich so getan hat, wie die Anfaänge hier so waren…
 Dies ist meine 5.Nacht, die letzte in dieser Serie. Und ich bin mittendrin.
 Mein Arbeitsgebiet
Ich arbeite in einer Einrichtung für körperlich und geistig behinderte Menschen. Ein Riesenkomplex, bestehend aus einer Schule, einem Internat, 2 Wohnhäusern, Werkstätten, einem Altenheim, mehreren Außenwohngruppen, einem ambulanten Bereich und einer völlig neuen Wohnform, in der ich hauptsächlich aktiv bin.
Es ist ein Haus, was erst seit ½ Jahr steht, kompletter Neubau. Durchdacht und einfach nur schön.
In der unteren Etage leben 5 Erwachsene, unterschiedlichen Alters, mit erworbenen Hirnschäden. Alles Rollifahrer. Sie leben da nicht als Patienten, sondern sind Mieter. Jeder hat ein Zimmer, und teilt sich 1 Küche und 1 Bad mit dem Zimmernachbarn. Alle Türen sind abschließbar und mit Klingeln versehen. Am Morgen kommt der häusliche Pflegedienst, der sie bei der Pflege unterstützt. Die anwesenden Heilerziehungspfleger dienen nur zur Assistenz, die das eigenständige Leben der Bewohner ermöglichen. Sprich, sie begleiten sie zu Ärzten, helfen beim Einkauf, bei der Wäsche, beim Abwasch. Keine der Aufgaben wird ihnen abgenommen. Ich finde das großartig.
In den beiden oberen Etagen sind 9 Internatsschüler ab 16Jahren untergebracht. Die Raumaufteilung ist wie unten. Hier ne Mischung aus Rollifahrern und Läufern. Auch hier wird Selbständigkeit großgeschrieben. Diagnostisch betrachtet, eher die angeborenen Erkrankungen, Frühgeburtsschäden, Authismus…
 Und was mach ich?
Abends um 21:45 Uhr beginnt mein Dienst. Übergabe, was war so los am Tag. Dann dreh ich meine Runde, begrüße die Bewohner, die noch wach sind, schau in die Zimmer, ob wirklich alle da sind.
Meist kommt eins der Mädels zu mir in den Gruppenraum, dann wird ein Tee getrunken und gequatscht. Für mich ist alles neu und spannend. Und sie mögen es, mir alles zu erzählen und zu zeigen. Mädchen eben.
Gegen 23 Uhr kehrt Ruhe ein, alle verschwinden in ihre Zimmer. Zumindest unter der Woche, wenn am nächsten Tag Schule ist.
Und glaubt mir, die Kids sind sowas von diszipliniert. Sie gehen nicht schlafen, weil sie es müssen, keiner zwingt sie dazu, keine Hausorrdnung gebietet es. Sie tun es aus der Erfahrung heraus, wie kacke es ist, am nächsten Tag hundemüde in der Schule sitzen zu müssen 😉
Ich schalte ihnen weder die PCs aus, noch den Fernseher, einfach weil sie es selber tun.
Alles sehr entspannt, was?
Zwischen 1:00 und 2:00Uhr muß ich 2 der Jungs wecken, damit sie sich selbst katheterisieren. Das ist unter Umständen ein Kraftakt, die Kerle wach zu bekommen. Immer und immer wieder steh ich dann in ihren Zimmern, bis sie genervt aufgeben 😉
Ansonsten fallen noch kleinere hauswirtschaftliche Tätigkeiten an. Wäsche in den Trockner schmeißen und falten. Ich denk, das ist vertretbar bei den Jugendlichen. Wenn sie das Waschen vergessen, ist es blöd, aber ein bißchen Hilfe ist in dem Alter doch angebracht, oder?
Die Erwachsenen unten versorgen ihre Sachen aber selbst.
Morgens deck ich die Tische mit Geschirr ein, koch Kaffee.
Auf jeder Etage gibt es einen Gruppenraum, in dem die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden KÖNNEN. Hier steht auch mein Schreibtisch. Aber es gibt keinen gesonderten Mitarbeiterbereich. Alle Akten etc. sind frei zugänglich, das Telefon, der PC. Kein Dienstzimmer, sondern ein Gemeinschaftsraum mit Gemeinschaftsküche mit großem TV Gerät…
Für mich doch sehr ungewöhnlich.
 Neben der Arbeit hier, betreue ich 3 weitere Außenwohngruppen. Häuser, die zu der Gesamteinrichtung zugehörig sind, die nachts aber keine Nachtschwester haben, einfach weil kein Bedarf besteht. 2 davon sind im Umkreis von 1 km erreichbar, das andere ist gut 10 min.Fahrzeit entfernt. Die Bewohner dort leben also absolut selbständig, werden aber durch ein Servicetelefon immer aufgefangen, wenn sie Hilfe brauchen.
Gestern wurde ich z.B. gerufen, weil ein Rollifahrer sich am Tag die Oberschenkel in der Sonne verbrannt hatte. Ein anderer brauchte eine frische Windel.
Das schöne: keiner hetzt mich. Ich habe ein wahres Luxusgut: viel Zeit. Hier und da brauch ich sie aber auch. Sprache ist ein schwieriges Thema. Manche können nur lautieren, andere nuscheln, bei einem ist die Zunge zu groß, die andere leidet unter Wortfindungsstörungen… usw. Und doch funktioniert das Ding mit der Kommunikation äußert gut. Wenn man keine Berührungsängste hat, findet man das schnell heraus.
Nein, ich bin nicht der kuschel-Typ, das mein ich damit nicht, aber wenn man sich drauf einlassen kann, sich auch Sachen zeigen läßt oder zugibt, „hey, ich kann Dich gar nicht verstehen“, dann werden sie hier i.d.R. nicht sauer, sondern finden Mittel und Wege.
Der eine Herr gestern, der mit dem Sonnenbrand, konnte nur lautieren. Zeigte grob in Richtung Beine. Ja toll. Am Ende hab ich´s doch rausgefunden und ER hatte wirklich viel Geduld aufgebracht, aber auch seinen Spaß an der ganzen Sache..
Außenwohngruppen abgehakt, weiter: Zusätzlich bin ich für ca. 140 ambulante Bewohner zuständig, die im Umkreis von ca.15 km leben. Diese leben völlig allein in Mietwohnungen, werden aber vom ambulanten Pflegedienst betreut. Wenn diese Menschen in der Nacht Hilfe brauchen, komm ich zum Einsatz. Dies war aber bisher erst äußerst selten der Fall, meinte meine Nachtkollegin, denn für meine erbrachten Leistungen müssen sie privat bezahlen, dies wird nicht von der Krankenkasse übernommen.
Tja und zu guter letzt bin ich zur Assistenz gedacht, wenn die 2 Nachtschwestern in den beiden Wohnhäusern auf dem Gelände Hilfe benötigen, oder keine Pflegekraft die Nachtwache hat, sondern eine Erzieherin. Dann fahr ich, wie heute und in den letzten Nächten, um Insulin zu spritzen.
Ich find dieses kategorische Trennen von Aufgabenbereichen absolut top. Sicher könnte man der Erzieherin in nullkommanix zeigen, wie man Insulin spritzt, aber das wäre nicht ok. Sie hat es nicht gelernt, und wenn da was passiert, zahlt keine Versicherung, da sie für diese Tätigkeit keine Befugnis hatte. Versteht ihr?
Alles äußerst korrekt. Zum Wohle der Bewohner!
Großer Aufgabenbereich, großer Wirkungskreis. Im Moment viel Ruhe.Aber es soll auch anders gehen.
Krampfanfälle, Psychosen, Depressionen. Keine 10 Kollegen im Rücken, die helfen könnten.
Im Moment bin ich aber nur allein mit der Müdigkeit.
Es ist inzwischen 3 Uhr, die 2.Waschmaschine ist fertig, schnell den Trockner bestücken und den 1.Korb Wäsche falten. Fühlt sich fast wie zu Hause an…
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One Response to “Der neue Job”

  1. […] https://wagnerwahn.wordpress.com/2010/06/18/der-neue-job/ Die Bewohner dort leben also absolut selbständig, werden aber durch ein Servicetelefon immer aufgefangen, wenn sie Hilfe brauchen. Gestern wurde ich z.B. gerufen, weil ein Rollifahrer sich am Tag die Oberschenkel in der Sonne verbrannt … […]


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